Erzählung vom Herbst 2016

Im Herbst 2016 wurde ich von einer Frau angerufen. Diese Frau erzählte mir, dass ihre Nichte ein totes Baby zur Welt gebracht hatte. Nun benötigte sie Hilfe, weil sie nicht mehr wüsste, wie sie mit ihrer Nichte umgehen sollte, da sie nur weinen würde.

Also packte ich meine Tasche, nahm eine Trosttasche und fuhr zur ihr.

Als ich in der Wohnung ankam, wurde mir Tee angeboten und ich lernte die junge Sternenmutter, ihren Partner und ihre Eltern kennen. Der Sternenoma fiel es sehr schwer ihre Tochter so tief traurig zu sehen und ihr so hilflos bei Seite zu stehen.

Ich habe die Sternenmama zur Begrüßung erst einmal fest in den Arm genommen. Sie hat sich augenblicklich fallen lassen und wieder geweint.

In dem Moment wurde kein Ton mehr gesprochen.

Als es der jungen Sternenmama wieder möglich war zu reden, hat sie mir erst einmal erzählt, was passiert war. Sie machte sich sehr starke Vorwürfe, dass sie schuld daran ist, dass ihr Baby, ein kleiner Junge, gestorben war. Zunächst habe ich ihr erklärt, dass sie am Tod ihres Babys nicht Schuld ist und daran keinerlei Gedanken verschwenden soll.

Immer wieder kamen die Worte, ich möchte zu meinem Baby.

Mir war klar, in dieser Familie bin ich nicht zum letzten Mal.

Während des Gespräches ist mir aufgefallen, dass jeder der Anwesenden der Mutter Ratschläge gab. Ich habe dann angefangen zu fragen, wie das Baby bestattet werden soll. Schnell wurde klar, die Familie hatte gar keine Ahnung davon. Also hab ich ihnen erklärt, was man machen kann und darf. Sie entschieden sich, dass das Kind per Sammelbestattung des Krankenhauses beigesetzt werden sollte. Langsam fing die junge Mutter auch mal an zu lächeln, und ich konnte sie ermuntern etwas zu trinken, da sie laut Aussage der Familie seit der Totgeburt weder gegessen noch getrunken hatte.

Sie beklagte sich darüber, dass sie seit dem Tod ihres Babys nicht mehr schlafen konnte. Ich habe mein Rebozotuch aus meiner Tasche geholt und gefragt, ob sie etwas ausprobieren möchte, was ihr vielleicht hilft ein wenig zu entspannen.

Das Rebozotuch kommt aus Mexiko und mit ihm kann man bestimmte Massagentechniken anwenden, die in vielen Lebenssituationen hilfreich sein können. das Rebozomassagen werden von Hebammen und Doulas während der Schwangerschaft und Geburt erfolgreich zur Hilfe genommen. Man kann damit unterstützen und Schmerzen lindern , die leichten Druck und Schaukelbewegungen können helfen in einen Entspannungszustand zu kommen  und verschiedene körperliche oder auch seelische Beschwerden können damit beruhigt werden.

Ich hab also mit einer leichten Rebozoübung angefangen, wobei sie dann in der Lage war endlich einmal die Augen zu schließen. Ich hab dann ihrem Freund gezeigt, wie er bei ihr diese Rebozomassage anwenden kann. Nach einigen Stunden verabschiedete ich mich und versprach in zwei Tagen wieder vorbei  zu schauen.

Bei meinem nächsten Besuch, dem zahlreiche Telefonate vorausgegangen waren,  war etwas Neues eingetreten. Das Paar hat sich anscheinend getrennt. Es flossen wieder sehr viele Tränen.

Schon im Vorfeld habe ich mir überlegt, dass ich mit der jungen Mutter einen Spaziergang in den nahgelegenen Wald machen wollte, um dort eine Stelle zu finden, wo wir ein symbolisches Verabschiedungsritual für den kleinen Sternenjungen abhalten könnten. Draußen in der Natur konnte die Mutter durchatmen und einige Probleme, unter anderem in der Beziehung, ansprechen.

Bei diesem Spaziergang hatte die junge Mutter dann die Idee entwickelt, dass sie gerne ein Körbchen basteln möchte, in das ein Bild von ihrem Baby, einige Blüten und eine brennende Kerze reingelegt werden. Dieses Körbchen wollte sie dann mit uns allen in den Rhein setzen und dort wegfahren lassen. Es war ein sehr ergreifender Gedanke.

Zurück von diesem Spaziergang wurden wir von der Sternenoma sehr lieb mit einem leckeren Smoothie empfangen. Sie freute sich sehr, als ihre Tochter das ganze Glas leergetrunken hatte.

Danach bekam die junge Frau noch eine Rebozomassage und man merkte ihr an, dass der Schmerz für sie nun langsam erträglicher wurde.

Danach haben wir noch einige Male telefoniert.

(von Petra Friese)

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